VIVAN LAS ANTIPODAS


Regie: Victor Kossakovsky
108 Minuten | ab 12
387. Woche
Der russische Dokumentarfilmregisseur Victor Kossakovsky hat für „Vivan las Antipodas“ eine im Prinzip ganz simple Versuchsanordnung herangezogen. Er hat acht Orte besucht, die sich paarweise auf jeweils genau der entgegengesetzten Seite der Erdkugel befinden. Diese setzt er in Relation zueinander, betont Gemeinsamkeiten, auch wenn diese im ersten Moment nicht unbedingt offensichtlich sind. Herausgekommen sind starke Naturaufnahmen und Alltagsimpressionen vom Leben in einsamen Gegenden ebenso wie in der Metropole Shanghai – versehen mit Folklore oder dräuender Orchestermusik und ab und an bildtechnischen Spielereien. Für das Auge ein Genuss, inhaltlich jedoch schnell durchschaut.


Der Gedanke, dass man sich von Deutschland aus senkrecht durch das Erdinnere auf die andere Seite des Globus schaufeln könnte, finden vor allem abenteuerlustige Kinder faszinierend. In Australien oder Neuseeland – Down Under also -, so hieß es immer, könnte man auf diesem Weg einem Maulwurf gleich sein Haupt dem Licht wieder entgegenrecken. Folgt man den Antipodenkoordinaten jedoch exakt, hieße es in Wirklichkeit, auf alle Fälle Badehose und Taucherbrille mitnehmen. Der antipodische Punkt zu Deutschland nämlich liegt weit draußen im Pazifik östlich von Neuseelands Südinsel. Der Küstenort Castle Point nordöstlich der neuseeländischen Hauptstadt Wellington ist dennoch einer der acht Schauplätze von „Vivan las Antipodas“ – das Gegenstück dazu das spanische Miraflores im kastillischen Scheidegebirge nördlich von Madrid. So ähnlich wie jener gestrandete Wal am neuseeländischen Strand wirkt so mancher Felsbrocken inmitten des scheinbar unberührten, von krabbelndem Kleintier, bevölkerten iberischen Biosphärenreservats. Während hier für einen frisch geschlüpften Schmetterling das Abenteuer Leben beginnt, ist es für den Meeressäuger am anderen der Erde auf tragische Weise zu Ende. Angelangt beim spanisch-neuseeländischen Antipodenpaar ist das Konzept von Victor Kossakovsky längst durchschaut. Begonnen hat die in oft meditativen und ohne störenden Kommentar auskommenden Bildern dahinfließende Entdeckungstour im argentinischen Entre Rios, einem kleinen Außenposten der Zivilisation, an dem ein mal mehr mal weniger Wasser führender Fluss zwei Brüdern ein Einkommen als Fährmann und Brückenwächter beschert. Schon ihre Vorfahren haben hier dafür gesorgt, dass Fahrzeuge ihren Weg fortsetzen konnten. Viel Verkehr herrscht allerdings nicht, so dass die beiden reichlich Zeit zum Nachdenken und Sinnieren haben. Gemäß dem dem Film vorangestellten Zitat aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ („Ob ich wohl ganz durch die Erde fallen werde? Lustige Vorstellung, auf der anderen Seite raus zu kommen, und alle Leute würden auf dem Kopf gehen“) stellt Kossakovsky seine Bilder immer wieder auf den Kopf oder dreht die Kamera um ihre vertikale Achse. Dies geschieht vor allem an den Übergängen zu den antipodischen Gegenstücken seiner Erkundungsreise. Ab und an spiegelt er auch die Silhouette zum Beispiel der Skyline von Shanghai im argentinischen Fluss. Bezogen auf Gegensätze sticht das argentinisch-chinesische Antipodenpaar am stärksten aus dem Quartett heraus, denn auch Shanghai liegt an einem Fluss. Seine Kamera hat Kossakovsky hier am Ausgang einer Fähre während der Rushhour aufgestellt. Schafe hier wie dort, das ist der gemeinsame Nenner der Antipoden Patagonien und Baikalsee und eines einsamen und ungestörten Landlebens vor traumhaften Kulissen. Beim Doppel Hawaii/Botswana liegt die Parallele auf den Strukturen von zäh dahinfließender, teils noch glühenden und an Urechsen erinnernden Lavamasse auf der nördlichen Halbkugel und der dickledrigen Haut von Elefanten im Süden Afrikas. Dass ab und an landestypische musikalische Begleitung die Seiten wechselt, also etwa afrikanische Klänge in Hawaii erklingen und umgekehrt, das gehört ebenso zum Konzept wie die Gegenüberstellung von Stravinsky mit Heavy Metal. Kossakovsky ging es mit seinem Dokumentarfilm darum, Bilder von der Schönheit der Erde einzufangen. Dies ist ihm zweifelsfrei gelungen. Ob man ihm in punkto Gleichzeitigkeit der Gegensätze folgen mag, hängt vom Betrachter selbst ab. „Vivan las Antipodas“ jedenfalls ist ein Film, der einen dann berühren kann, wenn man bereit ist, sich auf die Vielfältigkeit der Eindrücke und ihrer mystischen Verbindungen zueinander einzulassen.



ab 23.02.2012