KRIEGERIN


Regie: David Wnendt
Darsteller: Alina Levshin, Jella Haase, Gerdy Zint, Lukas Steltner, Sayed Ahmad Wasil Mrowat, Uwe Preuss, Winnie Böwe, Rosa Enskat, Haymon Maria Buttinger, Klaus Manchen, Andreas Leupold, Najebullah Ahmadi

103 Minuten | ab 12
392. Woche
Die Kriegerin, so versteht sich die junge Marisa (Alina Levshin), haut sofort zu, wenn ihr jemand dumm kommt. Ständig steht sie unter Strom, ist unberechenbar und kann ihre Aggressionen kaum bändigen. Eine permanente Rebellion gegen Perspektivlosigkeit. Ähnliche Figuren kennen wir schon aus englischen Sozialdramen. Im deutschen Film sind sie rar. Da wirken Charaktere eher abgeschliffen, abgerundet. Diese Geschichte jedoch spiegelt Haß auf alles Fremde, Andersartige, die ständig pulsierende Wut und die dahintersteckende Angst derart authentisch im Gesicht und allen Körperporen wieder, daß man schon als Zuschauer unruhig wird. Marisa gehört zu einer Neonazi-Clique, die im Alkoholrausch ihrer Aggression freien Lauf läßt, was schon die Anfangsszene verdeutlicht. Ein emotionaler Ausnahmezustand. Da bedrohen, verprügeln sie Fahrgäste in einem Nahverkehrszug und schmeißen den Schaffner raus. Für sie sind alle schuld an der kaputten Welt. Marisa, ihr Freund Sandro (Gerdy Zint) und die anderen der Gruppe sind mit Nazi-Symbolen tätowiert, berauschen sich mit Alkohol und an brachialer, rechtsradikaler Musik, hängen am Wasser ab oder fahren mit dem Auto durch die ostdeutsche Provinz. Als sie sich von zwei afghanischen Asylbewerbern in ihrem Uferrefugium gestört fühlen, provozieren sie die beiden Jungs. Die flüchten, wobei der jüngere, Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat) den Seitenspiegel von Marisas Auto abbricht. Da eskaliert die Geschichte. Das löst bei der jungen Frau einen allmählichen Umdenkungsprozeß aus. Marisa, als Kassiererin im Supermarkt ihrer Mutter, weigerte sich vor kurzem noch, Ausländer zu bedienen. Jetzt steht die Welt Kopf und so etwas wie ein schlechtes Gewissen nagt an ihr. Ihre rechte Lebenseinstellung kollidiert mit der Realität. Gleichzeitig stößt das junge Mädchen Svenja (Jella Haase) zu ihnen, die den Zwängen ihres Elternhauses entfliehen will und nun nach und nach im braunen Sumpf zu versinken droht. Marisa will raus und Svenja vor dem totalen Absturz bewahren. Da wäre aber noch ihr durchgeknallter Freund Sandro, während Rasul von Schweden träumt. Kriegerin ist ein provokanter Film, der uns drastisch vor Augen führt, was Rechtsextremismus mit Menschen macht, wie sie sich verändern, verrohen, nur noch hassen können, ohne jegliche Perspektive. Das gilt nicht nur für junge Leute. Rechtes Gedankengut ist schon längst bis in die Mitte der Gesellschaft gelangt und paradoxerweise ist die Ausländerfeindlichkeit dort am größten, wo der Ausländeranteil am geringsten ist. Regisseur Wnendt führt uns deshalb ganz nah ran, wählt den halbdokumentarischen Stil, meist mit der Handkamera. Aggressivität pur, unvermittelte Ausbrüche, Gnaden- und Gedankenlosigkeit in aller Direktheit und eindrucksvolle Charakterzeichnungen. Es ist erstaunlich, wie authentisch die jungen Schauspieler dabei agieren, welche Präsenz sie einbringen. Die Regie weiß sie sehr gut zu führen. Aber auch nachdenkliche Momente, die verzweifelte Suche nach Identität, den Zwiespalt wissen die Darsteller gut zu vermitteln. Das gilt besonders für Alvina Levshin. Familiäre Hintergründe werden punktuell beleuchtet. Billige Effekte gibt es nicht, ebensowenig Klischees. Die Milieuzeichnung ist realistisch, die Hintergründe gut recherchiert. Der Zuschauer erhält Einblicke, die er so schnell nicht vergißt, er versteht einiges mehr und weiß, daß es für vieles keine Entschuldigung geben kann. Kriegerin ist eine neue kleine Perle des deutschen Films, der man ein größeres Publikum wünscht. Ein wichtiger Film. Auch Geschichts- und Politik-Lehrern sei deshalb empfohlen, mit ihren Schülern mal wieder ins Kino zu gehen.


ab 19.01.2012