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ELTERNSCHULE


Regie: Jörg Adolph, Ralf Bücheler
Darsteller: Dokumentarfilm

112 Minuten | Deutschland 2017 | ab 12
2. Woche
Sie heißen Anna, Felix, Joshua, Laura, Lucy, Mohammed, Zahra. Sie verweigern das Schlafen und das Essen, trinken literweise Milch, um sie direkt wieder zu erbrechen, sie beißen, toben, schreien, hauen, schubsen, sind apathisch, kratzen sich auf. Ein Junge streckt der Kamera intensiv die Zunge raus, zeigt den Mittelfinger und tut im nächsten Moment so, als sei nie was gewesen. Dass der Alltag mit verhaltensauffälligen Kindern kraftraubend bis unmöglich ist, liegt auf der Hand. Die Mechanismen aufzubrechen, die dazu geführt haben, ist jedoch eine Aufgabe, die ohne eine unterstützende Außenperspektive kaum zu schaffen ist.
 
Seit dreißig Jahren untersucht der Psychologe Dietmar Langer die Zusammenhänge zwischen Stress, Erziehung und chronischen Erkrankungen. In der Kinderklinik Gelsenkirchen steht er an einer Tafel und erklärt verzweifelten Eltern – beziehungsweise den Müttern und dem einen Vater, der zwischendurch anwesend ist – die kindliche Sicht auf die Welt. Die mal perfiden, mal dreisten Taktiken, die kleine „Kontrollettis“ wissentlich oder instinktiv anwenden, um ihren Willen durchzuboxen.
 
Es geht viel darum, Konsequenz an den Tag zu legen und Grenzen aufzuzeigen, deren Gültigkeit nicht beim nächsten Ausbruch bröckelt. Eine Mutter erklärt, Härte zu zeigen, falle ihr schwer. Langer entgegnet, man solle das „hart sein“ als „beibringen“ auffassen. Es gehe darum, dem Nachwuchs den Unterschied zwischen satt und hungrig, das regelmäßige Schlafen, das Zähneputzen beizubringen, kurzum: dem Kind das Leben zu vermitteln. Dafür müssen eingefahrene Perspektiven hinterfragt werden. Langer erklärt, oft nehme man nur die Bilder wahr, die man von Menschen habe, und reagiere gar nicht mehr auf die jeweilige Situation. Der Psychologe nennt das den „Motor der Chronifizierung“.
 
Trotz der an sich sperrigen Thematik wirkt „Elternschule“ nie zu erklärend, thesenhaft oder problembeladen. Das liegt ganz entschieden auch an der makellosen Montage der Editorin Anja Pohl, die beispielsweise für den Schnitt von „Bang Boom Bang“ und „Wer früher stirbt, ist länger tot“ verantwortlich zeichnete. Pohl findet immer passende Szenenausstiege, stets einen guten Einstieg in die nächste. Gerade bei dokumentarischen oder anderweitig improvisierten Stoffen, wo kein Skript die Struktur vorgibt, sondern teils Zufälle, teils bewusst hergestellte Situationen dies tun, ist die kreative Arbeit im Schneideraum ein fundamentaler Beitrag.
 
Ohne Kommentar, mit klaren, wertungsfreien Bildern beobachten Jörg Adolph und Ralf Bücheler den Klinikalltag. Sie zeigen Verhaltenstrainings und Erziehungscoachings, Besprechungen des Klinikpersonals oder Einzelsitzungen mit den Müttern. Weil die Auffälligkeiten meist im elterlichen Umgang mit den Kindern begründet liegen oder davon verschärft werden, stehen über weite Strecken die Erwachsenen im Vordergrund. Eine Mutter ist so verzweifelt, dass ihr Kind ins Heim soll, wenn keine Besserung eintritt, eine andere berichtet davon, dass sie unter „Phantomschreien“ leidet: Es kann passieren, dass sie ihr Kind ununterbrochen schreien hört, obwohl es nicht zugegen ist. Als Langer den Eltern Videoaufnahmen demonstrativ bockiger Kinder vorführt, lachen die Anwesenden. Aus diesem Lachen kann man den Stress heraushören, der hierhin geführt hat.
 
Manchmal, wenn ein unterernährtes Kind eine Sonde gelegt bekommen soll oder Eltern rabiat auf Ausbrüche reagieren, entwickeln die Beobachtungen eine fast beklemmende Wirkung. Zwischendurch zeigen Jörg Adolph und Ralf Bücheler aber immer wieder Momente kindlicher Freude, mit Zeitlupen und heimeliger Musik. Darin laufen die Kinder durch die Klinikflure und wirken glücklich. Zumindest für den Moment.


Friedrichsbau Freiburg
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