OmU

DRIVE

Im engl. Original mit deutschen Untertiteln


Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks

101 Minuten | ab 18
382. Woche

In Cannes war „Drive“ im Frühjahr 2011 die Sensation schlechthin. Ein optisch mehr als überzeugender Neo-Noir-Film mit einem geheimnisvollen und wortkargen Helden, fiesen Typen um ihn herum und einer hübschen Frau, für die einzusetzen der Held einiges riskiert. Dazu sparsam platzierte Action, die nicht um ihres Effektes willen geschieht, sondern ganz gezielt auf das Genrekino der 80er Jahre Bezug nimmt, in ihren kurzen Momenten aber um so wirkungsvoller in die wie in Watte gepackte Stimmung dieses Knüllerfilms ploppt. Ryan Gosling überzeugt darin als die schlicht nur Driver genannte Hauptfigur. Für Nicolas Winding Refn gab’s in Cannes den Regiepreis.


Den Rücken seiner Jacke ziert ein Skorpion - und wie das Spinnentier mit den Scherenbeinen lässt sich auch der Charakter der Hauptfigur in Nicolas Winding Refns beeindruckendem Thriller beschreiben: als feinfühliges Wesen, dem eine unbändige Kraft und Energie innewohnt und das, sind seine Gefühle einmal geweckt, mit Energie und Leidenschaft sein Ziel verfolgt. Umgeben von der Aura des Geheimnisvollen kann man sich der Ausstrahlung eines Skorpionmenschen kaum entziehen, er selbst muss, um Erfüllung zu finden, erst die eigenen Tiefen seines Unbewussten durchwandern. Alain Delon etwa war ein Skorpion – als Mensch, aber auch in vielen der von ihm verkörperten Figuren auf der Leinwand. Einen Namen hat die Hauptfigur des auf James Sallis’ basierendem Groschenroman nicht. „Driver“ muss genügen – denn am Lenkrad eines Autos zu sitzen, das ist dem einsamen Burschen nicht nur eine liebe Freizeitbeschäftigung, sondern auch Beruf. Als Stuntman in Hollywood darf er immer dann hinters Steuer, wenn es für die Stars brenzlig wird. Gelegentlich ist der Driver aber noch Chauffeur bei Raubüberfällen. Seinen kriminellen Auftraggebern schärft der zusätzlich noch als Mechaniker in einer Autowerkstatt angestellte Einzelgänger aber unmissverständlich ein, dass er nicht am Coup selbst, sondern lediglich an der Fahrdienstleistung interessiert ist. Eine durchaus ökonomische Überlegung, möchte man meinen.


Ökonomisch ist nun auch der Stil, mit dem der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn, bislang mit seinen kompromisslosen Filmen „Pusher“, „Bronson“ und „Valhalla Rising“ positiv aufgefallen, ans Werk geht. Völlig unaufgeregt begleitet er den entspannt auf einem Zahnstocher kauenden Driver gleich zu Beginn bei einem Überfall und wie er den alarmierten Polizeieinheiten inklusive bedrohlich kreisendem Hubschrauber entkommt. Nicht durch halsbrecherisches Fahren, sondern durch wohlüberlegtes Taktieren, einem Schachspiel gleich, kommt das Adrenalin (beim Zuschauer) in Wallung. Dieses Taktieren wird sich auch im weiteren Verlauf immer wieder zeigen. Es erzeugt Spannung, beweist Coolness – und das auf eine unaufgeregte Weise. Das ist Action in Zeitlupe, und in Verbindung mit der Filmmusik wirkt diese somnambule Stimmung manchmal wie bei David Lynch. Wenn die Gewalt schließlich hereinbricht, dann ist das wie der Ausbruch eines Vulkans. Deren Tarantino-verwandte Heftigkeit rechtfertigt übrigens die Freigabe dieses Films erst ab 18 Jahren absolut.


In den Nebenrollen wartet „Drive“ mit kleinen Besetzungscoups auf: Carey Mulligan („An Education“) ergänzt in ihrer Unaufgeregtheit und mütterlichen Fürsorge den ruhigen Charakter Drivers, und auch Bryan Cranston, Albert Brooks und Ron Perlman sind als in mafiöse Geschäfte verwickelte Glücksritter exzellent besetzt, ihre Machtspiele letztlich der Grund dafür, weshalb Driver sich plötzlich in eine verfahrene Situation bugsiert sieht, aus der heraus zu kommen auch von ihm Opfer verlangt. Ganz subtil vermittelt wird dem Kinogänger das Linkische dieser kriminellen Kameraden bei Drivers Begegnung mit Bernie Rose (Brooks), dem Manager eines Rennstalls. Als sie sich zur Begrüßung die Hände schütteln wollen, lehnt Rose dies ab – und verweist auf seine schmutzigen Hände. Ryan Gosling liefert mit der Darstellung seiner undurchdringlich wirkenden Figur eine erstklassige Leistung ab. Weil der Film gerade in seinem Fall auf viele Worte verzichtet, kommt seinem Minenspiel und seinen Blicken eine besondere Bedeutung zu. Dass er wie ein moderner Samurai agiert, lässt auch an Alain Delons Rolle in „Der eiskalte Engel“ denken. Die „Zeit“ hat Melvilles Klassiker 1968 als „Gangsterfilm, in dem nicht Oberflächenreize und das Temperament des Melodrams herrschen, sondern die Kühle der Parabel und die Strenge konsequenter Gedanken“ bezeichnet. Diese Beschreibung ließe sich heute auch auf „Drive“ münzen.



ab 26.01.2012