DIE UNSICHTBARE


Regie: Christian Schwochow
Darsteller: Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, Dagmar Manzel, Ronald Zehrfeld, Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes, Gudrun Landgrebe, Corinna Harfouch

113 Minuten | ab 12
381. Woche
„Du bist unsichtbar!“ wird der jungen Schauspielschülerin Josephine, genannt Fine (Stine Fischer Christensen) gesagt, nachdem sie bei einem wichtigen Vorspiel auf der Bühne eingeschlafen ist. Doch gerade dieses Malheur, dieses Andersartige, fasziniert den ebenso berühmten wie egozentrischen Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen). Am Schauspielhaus der Stadt (unschwer als Volksbühne in Berlin zu erkennen, wobei Bezüge in der Darstellung von Theaterbetrieb und besonders der Arbeitsweise des Regisseurs wohl nicht als unmittelbarer Kommentar zu bekannten realen Regisseuren der Volksbühne zu verstehen sind.) will er mit Schauspielstudenten ein Stück inszenieren. „Camille“ heißt dieses fiktive Drama, das mit seiner latent selbstzerstörerischen Hauptfigur, die sich in wahllose sexuelle Abenteuer stürzt, ein wenig an Wedekinds „Lulu“ erinnert. Die introvertierte, fast mäuschenhafte Fine bekommt zur Überraschung aller die Hauptrolle der Camille anvertraut – und sieht sich schnell mit ihren Grenzen konfrontiert. Immer mehr fordert Friedmann von ihr, immer tiefer will er in ihre Seele blicken, ihre tiefsten Verletzungen anbohren, um sie für die Rolle zu benutzen. Und Fine hat, wie es Regisseur und Regieassistent ganz pragmatisch auf den Punkt bringen, genau deswegen die Rolle bekommen: Weil sie einen Knall hat. Die Verschmelzung von Bühne und Realität, von Rolle und wahrer Identität ist ein beliebtes Sujet, das zuletzt etwa Darren Aronofsky in „Black Swan“ auf so überzeugende Weise umgesetzt hat. So ist es kaum zu vermeiden, dass in „Die Unsichtbare“ oft Motive, Figuren, Situation zu erkennen sind, die man so oder so ähnlich schon oft gesehen hat. Im Gegensatz zu Aronofsky, der seine Erzählung zu überdrehtem Camp steigerte, bemüht sich Schwochow – der das Drehbuch zusammen mit seiner Theatererfahrenen Mutter Heide schrieb – um Realismus. Besonders die Schilderung der Arbeit am Theater, die mühsamen Proben, die Versuche, sich dem Wesen der Rolle mit allen Mitteln zu nähern, zählen dadurch zu den stärksten Momenten des Films. Nicht zuletzt dank der exzellenten Darstellung Ulrich Noethens als Regisseur. Dessen Beziehung zu Fine, seine Versuche die etwas unbedarfte, fast naive junge Frau für seine Kunst, seine Vision bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Fähigkeiten zu bringen, bilden das Zentrum des Films, um das Schwochow einen Wust an Nebenschauplätzen kreiert hat. Wichtigstes Element hierbei ist Fines schwerbehinderte Schwester Jule (geradezu erschreckend überzeugend gespielt von Christina Drechsler), die von der allein erziehenden Mutter (Dagmar Manzel) immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als Fine selbst. Andere Aspekte wirken dagegen verschenkt: Fines Freundschaft zu einer Schauspielkollegin/ -konkurrentin, eine Romanze mit einem Nachbar, vor allem aber die erst aufwändig eingeführte Enthüllung, dass Fine noch Jungfrau ist – angesichts des sexuell aufgeladenen Stücks ein eigentlich durchaus relevanter Aspekt – der dann dramaturgisch völlig ignoriert wird. Dennoch ist „Die Unsichtbare“ erneut ein starker Film von Christian Schwochow, der es nicht zuletzt versteht, seine Geschichten in prägnanten Bildern zu erzählen, die sich nie in den Vordergrund spielen. Der gehört auch hier ganz den Schauspielern - und das ist es letztlich, was „Die Unsichtbare“ auszeichnet.


ab 02.02.2012