DER SCHNEE AM KILIMANDSCHARO

Mit Jean-Pierre Darroussin ("Pilgern Auf Französisch")


Regie: Robert Guédiguian
Darsteller: Jean-Pierre Darroussin, Ariane Ascaride, Gérard Meylan, Maryline Canto, Grégoire Leprince-Ringuet

107 Minuten | ab 12
375. Woche
„Als unser Gewerkschaftsvertreter“ versucht Werftarbeiter Raoul (Gérard Meylan) seinem Jugendfreund Michel (Jean-Pierre Darroussin) klarzumachen, „hättest du überhaupt nicht auf der Liste stehen müssen“. Doch der altgediente Docker wehrt ab. „Auf dieses Privileg habe ich keinen Wert gelegt“, sagt er und packt seine Sachen aus dem Metallspind in eine Pappschachtel. Um die Werft zu retten, muss der leidenschaftliche Gewerkschaftsfunktionär zwanzig seiner Kollegen entlassen. Aus Solidarität feuert er sich selbst gleich mit. Spätestens wenn die schwermütige Falsettstimme des Reggae Sängers Jimmy Cliff mit „Many rivers to cross“ ertönt und Michels letzten Gang über das Marseiller Hafengelände begleitet, berührt dieser Alltagsheld. Plötzlich findet sich Michel im viel zu früh erzwungenen Ruhestand wieder. Glücklich mit Marie-Claire (Ariane Ascaride) verheiratet, umgeben von gemeinsamen Kindern, Enkeln und Freunden lässt sich dieser Zustand gerade noch ertragen. Aber ein brutaler Überfall im eigenen Haus ändert alles. Ausgeraubt und gedemütigt beim Kartenspielabend mit Freunden. Der Schock sitzt tief. Das geschenkte Geld und Ticket für eine langersehnte Afrika Reise zum Kilimandscharo ist verloren. Doch noch schmerzhafter als der Verlust des Geldes ist die Wahrheit über den Täter. Hart konfrontiert sie den aufrechten Working-class-hero mit seinen Überzeugungen, Idealen und verlorenen Träumen. Und immer wieder Marseille. Unerschütterlich verschlägt es Robert Guédiguian in seinen Filmen regelmäßig in seine pulsierende, südfranzösische Heimatstadt. Die impulsive Mittelmeermetropole dient dem engagierten Autorenfilmer gleichzeitig als sonnenüberflutete Kulisse und sozialer Brennpunkt. Mit Humor und Humanismus inszeniert der 58jährige vornehmlich im Arbeiterbezirk L’Estaque seine berührenden Sozialdramen. Dabei gibt es eine Konstante im Werk des französischen Regisseurs. Die Suche nach der solidarischen Geste treibt den feinfühligen Chronist sozialer Verwerfungen seinen utopischen Impuls gegen die Schicksalhaftigkeit der Verhältnisse zu setzen. „Ich war glücklich“, verrät der Wahlpariser „etwas über meine Wurzeln gemacht zu haben: meine Gegend, Marseille, die Welt der Hafenarbeiter.“ Erneut arbeitet der Sohn eines Hafenarbeiters mit dem gleichen Ensemble von Schauspielern und Technikern, das seit Jahren dieses neue alte Cinéma copain bildet. Doch seine Handschrift erkennt der Zuschauer nicht nur an den bewährten Hauptdarstellern, allen voran Ariane Ascaride, Ehefrau des Regisseurs und Seele dieser Schauspielerfamilie, sondern auch an der beharrlichen Kühnheit die Sorgen und Nöten der kleinen Leute empathisch in Szene zu setzen. So schematisch seine Figuren zunächst konzipiert scheinen, entwickeln sie sich dennoch zu komplexen Charakteren. Stilvoll inszeniert, scheut Guédiguian geradezu rasante Schnitte, lässt die Geschehnisse auf der Leinwand sich entfalten. Dabei verliert der klarsichtige Filmemacher trotz aller Misere nicht seinen optimistischen Grundton und ist seinen Protagonisten stets in Zuneigung verbunden. Und so regiert am Ende seiner geradlinigen Saga vom Sieg der Humanität über die zügellose, globalisierte Ökonomie die Menschlichkeit. Eine Vision, über die es sich nachzudenken lohnt.


ab 14.03.2012