DER ATMENDE GOTT


Regie: Jan Schmidt-Garre
100 Minuten | ab 12
385. Woche

Erst war es seine Frau, dann begann sich auch der Regisseur Jan Schmidt-Garre für Yoga zu interessieren. Womit er nicht der einzige ist: Die Anzahl der Yoga-Studios in der westlichen Welt steigt nahezu täglich, die Heilsversprechen, die mit den Asana genannten Übungen verbunden sind, werden immer größer, die Formen der Yoga-Ausübung immer obskurer. Und so macht Schmidt-Garre das, was Regisseure eben machen, wenn sie an etwas Interesse finden: Er dreht einen Film über das Thema. Wobei man in „Der atmende Gott“, dem nach jahrelanger Arbeit entstandenem Ergebnis vom Schmidt-Garres ursprünglicher Eingebung in jedem Moment das wirkliche, tiefe Interesse des Autors an seinem Thema spürt. Voller Neugier reist er durch Indien, auf den Spuren des echten, des wahren Yogas. Auf seinem Weg begegnet Schmidt-Garre diversen Yogis, die eins gemeinsam haben: Sie lernten bei Tirumala Krishnamacharya. Dieser gilt als Vater des modernen Yogas, seit er Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts für den Maharadschar der indischen Provinz Mysore zum Wohl der Allgemeinheit eine Yoga-Schule einrichtete. Was genau er dort allerdings lehrte, auf welche Weise er seine Schüler mit den zahllosen Asanas – jene für Außenstehende wie Verrenkungen wirkende Übungen – zu größerer Ausgeglichenheit und Gesundheit führte, das ist schwer zu sagen, schriftliche Aufzeichnungen aus der Zeit gibt es kaum. Zwei von Krishnamacharyas Schülern holt Schmidt-Garre vor die Kamera, die die Lehren ihres Gurus auf sehr unterschiedliche Weise weitergeben. Zum einen ist das B.K.S. Iyengar, der vor allem als Yoga-Lehrer des Geigers Yehudi Menuhin berühmt wurde und eine Form des Yogas lehrt, in der einzelne Positionen bis zu 30 Minuten gehalten werden. Zum anderen Pattabhi Jois, der während der Dreharbeiten verstarb und eine Art Speed-Yoga entwickelt hat, in der einzelne Position miteinander verbunden sind und in einer bestimmten Reihenfolge wiederholt werden. Neben den beiden Yogalehrern kommen drei der Kinder Krishnamacharyas zu Wort, die die Lehren ihres Vaters auf ganz persönliche Weise interpretieren. Bedauerlicherweise aber keine Wissenschaftler, Indologen, Historiker, die darlegen könnten, wie der aktuelle Stand der Forschung in Bezug auf die Entstehung des modernen Yogas ist. Denn die Fakten, die Schmidt-Garre präsentiert, sind reichlich dünn. Abgesehen von sehr subjektiven Beschreibungen der Kinder bzw. Schüler sind einige wenige Archivaufnahmen zu sehen, die Krishnamacharya bei der Ausübung von Asanas zeigen. Besonders hier zeigt sich die Schwäche des mäandernden Ansatzes des Films: Selbst solch banale Fakten, wie das Geburtsjahr Krishnamacharya oder die schöne Anekdote, wie er aus Anlass eines philosophischen Wettstreits zwischen Gelehrten an den Hof des Maharadscha berufen wurde, verschweigt der Film. In seinem Bemühen, einen offenen Blick auf die fremde Kultur zu bewahren, sich jeglichen vorschnellem Urteil eines westlichen Beobachters zu enthalten, verliert Schmidt-Garres Film immer wieder seine eigentliche Fragestellung aus den Augen. Als Einführung in die Welt des Yogas taucht „Der atmende Gott“ somit nur bedingt. Die Qualitäten des Films liegen weniger in einer journalistischen, dokumentarischen Annährung an sein Thema, als in seiner losen Form, der Neugier, mit der er einer fremden Kultur und Tradition begegnet, um am Ende nicht zu einer dezidierten, sondern eher persönlichen Antwort auf die Frage zu kommen, was Yoga ist.



ab 05.01.2012