BEZAUBERNDE LÜGEN


Regie: Pierre Salvadori
Darsteller: Audrey Tautou, Nathalie Baye, Sami Bouajila, Stéphanie Lagarde, Judith Chemla

104 Minuten | ab 12
383. Woche
Émilie ist ein zierliches Persönchen, aber sie verfügt über mindestens so viel Energie wie eine ganze Grundschulklasse bei Ferienbeginn und ist ähnlich spontan. Sie hat sich gerade mit ihrer Partnerin Sylvia selbständig gemacht und hat große Pläne. Erstmal will sie den Salon umbauen. Dafür ist der Handwerker Jean zuständig. Was Émilie nicht weiß: Jean ist unsterblich in sie verliebt. Und weil er eine scheue Seele mit poetischen Neigungen ist, schreibt er der Angebeteten einen wunderschönen und selbstverständlich anonymen Liebesbrief. Dies ist das Startzeichen für eine romantische Geschichte über Missverständnisse, Lügen und die generelle Verwirrung der Liebesgefühle. In Jeans Gegenwart wirft die ahnungslose Émilie den zerknüllten Brief einfach weg. Aber bald erinnert sie sich wieder daran. Um ihre einsame Mutter Maddy aufzuheitern, tippt Émilie Jeans Brief sorgsam ab und wirft ihn in den Briefkasten. Der gewünschte Effekt tritt umgehend ein: Maddy blüht auf wie eine Rose im Spätsommer, aber bald verlangt sie nach mehr. Émilie wird gezwungen, der einen Lüge weitere folgen zu lassen, und es ist wie verhext: Alles, was Émilie sich ausdenkt, sorgt nur dafür, dass sich die Irrtümer vermehren. Wie Émilie sich aus dem selbst eingebrockten Desaster rettet, Maddy ihre Depressionen überwindet und wie der schüchterne Jean sein Selbstvertrauen wiedergewinnt – all das wird rechtzeitig und zur allseitigen Befriedigung am Ende des Films geklärt.

Auch wenn die romantische Verwechslungskomödie sich ziemlich offensichtlich an Audrey Tautous fabelhafter Amelie orientiert – dem Vergnügen tut das keinen Abbruch. Mit ihrem spitzbübischen Lächeln und den riesigen Puppenaugen ist Audrey Tautou die perfekte Protagonistin für die Rolle der Émilie, die es eigentlich gut meint, aber durch ihre Neigung zum Schwindeln, gepaart mit einem Hang zum Aktionismus, fatale Entwicklungen in Gang setzt, die sie schon bald nicht mehr steuern kann. Wieder zeigt sich, dass Audrey Tautou nicht nur eine entzückende Darstellerin, sondern auch eine begabte Komödiantin ist. An ihrer Seite zu bestehen, ist sicherlich nicht einfach. Doch Nathalie Baye als Maddy erfüllt diese Aufgabe brillant, was vor allem ihrer ungeheuren Wandlungsfähigkeit zu danken ist: Sie stellt die depressive Schrulle ebenso überzeugend dar wie die vor Charme sprühende Verliebte, sie wechselt zwischen jugendlichem Übermut, altjüngferlicher Verschämtheit und verführerischer Weiblichkeit. Den beiden großartigen Frauen hat Pierre Salvadori einen ebenso appetitlichen wie liebenswerten Partner spendiert: Sami Bouajila ist der ideale romantische Liebhaber. Das Drehbuch gibt ihm die intelligentesten Dialogsätze, denn der Handwerker Jean ist eigentlich ein Schwerintellektueller, der über scheinbar einfache Arbeiten wieder zu sich selbst finden möchte. Dazu liefern die Autoren geballte Situationskomik mit vielen hübschen Ideen, die die bewährte Verwechselungsgeschichte vom Liebesbrief, dem scheuen Dichter und seiner angebeteten Muse um zahlreiche verwirrungssteigernde Wendungen aufpeppen. Auch Stéphanie Lagarde als Émilies vernünftige Geschäftspartnerin Sylvia und Judith Chemla als überforderte Angestellte Paulette dürfen in ihren kleineren Rollen glänzen.

Vor der herrlichen Kulisse der Hafenstadt Sète gibt es viel zu lachen, und erfreulicherweise hält der Film seine angenehm alberne Stimmung bis zum glücklichen Happy End durch. Bis dahin amüsiert man sich blendend. Auch wenn sich der Kultstatus einer Amélie vermutlich mit Émilie nicht erreichen lässt, kommt hier ein Film ins Kino, der wie geschaffen ist für trübe, kalte Winterabende – spaßig, charmant und ebenso geistvoll wie vergnüglich. Und Audrey Tautous Lächeln strahlt mit der Sommersonne am Mittelmeer um die Wette.


ab 19.01.2012