Die Freiburger Independent Kinos in der Woche vom 02.09.2010 - 08.09.2010
Ein Parkourläufer steigert sich in diesem authentischen Psychodrama aus Verlustängsten um seine hübsche Freundin in einen unberechenbaren, gewalttätigen Wahn.
Mittzwanziger Richie (Christoph Letkowski) ist Gerüstbauer und führt mit der jüngeren Hannah (Nora von Waldstätten) eine glückliche Beziehung - am liebsten aber absolviert er mit seinen beiden Kumpels Nonne (Marlon Kittel) und Paule (Constantin von Jascheroff) Parkour-Läufe über urbane Gebirge: Häuser, Dächer, Fassaden. Aus schwelender Eifersucht um seine attraktive Freundin vermöbelt er heimlich Nebenbuhler in der Disco. Doch so richtig brechen seine Verlustängste aus, als Hannah, die berechtigte Sorge hat, ihr Abitur nicht zu schaffen, Mathe-Nachhilfestunden nimmt. Denn obwohl er dafür Nonne beauftragt, um ja nicht die Kontrolle über die Situation zu verlieren, wird er rasend eifersüchtig. Nicht ganz unschuldig daran ist sein österreichischer Baukollege Janko (Georg Friedrich als Nervensäge), der mit seinem gescherten Gerede von fortlaufender Untreue seine Paranoia entfacht und den Wahn anstachelt. Geldsorgen, ein betrügerischer Bauherr und eine Pechsträhne später wächst Richie alles über den Kopf, bis er einen tragischen Unfall verschuldet, der Janko ins Krankenhaus befördert. Damit schlittert Richie erst richtig in seinen verbissenen Irrsinn. Das in Hof prämierte Langfilmdebüt von Marc Rensing beginnt zwar wie ein energiegeladener Sportfilm, ist aber tatsächlich ein klassisches Psychodrama über die vernichtende Wirkung der Eifersucht. Mit Anleihen bei "Das weiße Rauschen" gelingt Rensing, der mit am Drehbuch schrieb, die Chronik einer sich auswachsenden Geisteskrankheit authentisch und dennoch nicht wie eine klinische Fallstudie zu inszenieren, sondern als eindringlichen, bestürzenden Abstieg in die Hölle - ohne jede Effekthascherei. Zwar sind einige Stilmittel zu durchsichtig, aber der düster bebilderte Film schraubt sich gefährlich tief in den ausufernden Wahn hinein - so tief, dass auch der Zuschauer getäuscht wird und einige bittere Überraschungen erlebt. Das Parkour-Laufen in einer Industriebrache dient vor allem als Metapher für den Geisteszustand der Hauptfigur: zunächst sind die Hürden, die er spielerisch nimmt, im Leben jedoch daran scheitert, ein sportlicher Spaß, bald eine Flucht, schließlich (auto)aggressive Destruktivität. Wie Letkowski als psychisch Labiler agiert und immer mehr Freunde verprellt, wenn nicht verprügelt, während ihm selbst in einem wiederkehrenden Vertigo der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist stark und so glaubwürdig, wie die restliche Besetzung eines vielversprechenden Erstlingswerks.