Die Freiburger Independent Kinos in der Woche vom 09.09.2010 - 15.09.2010

PLASTIC PLANET

Kunststoffe können bis zu 500 Jahre Böden und Gewässer vergiften, unbekannte Zusatzstoffe sorgen für eine Verringerung der Spermienproduktion und schädigen das Hormonsystem des Menschen. Plastik ist vor allem ein großes Geschäft, die Kunststoffindustrie macht 800 Mrd. Euro Umsatz im Jahr, weltweit werden fast 240 Mio. Tonnen Kunststoff aus vier Prozent der Erdölproduktionen hergestellt. Statt über Nebenwirkungen in der Öffentlichkeit zu diskutieren, stellen Repräsentanten der Industrie die Vorteile heraus.

Streitbarer und polarisierender Dokumentarfilm über die Maßlosigkeit der Industriegesellschaft und Belastung von Mensch und Umwelt durch jegliche Form von Plastik. Die Informationen sind beträchtlich in diesem investigativen Kinodokumentarfilm. Unvorstellbar aber wahr - Kunststoffe können bis zu 500 Jahre Böden und Gewässer vergiften, unbekannte Zusatzstoffe sorgen für eine Verringerung der Spermienproduktion und schädigen das Hormonsystem des Menschen, der sowieso schon Plastik im Blut hat. Dabei sehen die Plastikentchen in der Badewanne so putzig aus, ist die Plastikflasche leichter als die aus Glas, nuckeln Kleinkinder an Plastikschnullern und kuscheln sich in mit Weichmacher behandelten Decken, darf uns Gunther von Hagens mit Plastinationsarbeiten in seinen "Körperwelten"-Ausstellungen erschrecken. Werner Boote, dessen Großvater zu den Pionieren der Plastikbranche zählte, will polarisieren und aufklären über das einstige Wundermaterial der 1950er Jahre, das heute tagtäglich unser Leben und unsere Gesundheit beeinflusst und ruiniert. Dabei schockiert er mit Fakten und unterhält gleichzeitig, lockert die Horrormeldungen mit Animation auf. Plastik ist vor allem ein großes Geschäft, die Kunststoffindustrie macht 800 Mrd. Euro Umsatz im Jahr, weltweit werden fast 240 Mio. Tonnen Kunststoff aus vier Prozent der Erdölproduktionen hergestellt. Statt über Nebenwirkungen in der Öffentlichkeit zu diskutieren, stellen Repräsentanten der Industrie wie John Taylor vom Verband der europäischen Kunststofferzeuger die Vorteile heraus, oder das, was sie dafür halten. In langen Interviews mit NGOs, kritischen und unkritischen Buchautoren, Wissenschaftlern, Lobbyisten, Schönheitschirurgen oder Ärzten kristallisieren sich Gefahren heraus, die durch politisch Verantwortliche kaum Beachtung finden, obgleich Untersuchungsergebnisse die Alarmglocken schrillen lassen müssten. Der "österreichische Michael Moore" appelliert an den gesunden Menschenverstand und nimmt kein Blatt vor den Mund, macht sich wie sein US-Vorbild Feinde mit manchmal banalen Gags und abgedroschenen Phrasen, kann seine Anklagen aber belegen. Die Bilder von Müllbergen in Wüsten und Meeren sprechen für sich. Der "Plastic Planet" ist schon Wirklichkeit. Boote, der mit den Recherchen vor zehn Jahren begann und allein vier Jahre für Feinentwicklung des Stoffes und Finanzierung brauchte, möchte keine Propaganda à la "Hallo, ich sage euch, wie die Welt funktioniert". Ein bisschen sagt er uns das aber schon. Und zwar mit großer Überzeugungskraft und Verve.

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