Die Freiburger Independent Kinos in der Woche vom 02.09.2010 - 08.09.2010

SHE, A CHINESE

Die junge Mei lebt in einem kleinen Dorf in China und will nur eines: raus aus dem Kaff. Tatsächlich landet sie eines Tages in der nächsten Großstadt direkt in den Armen eines Kleinganoven, der aber schon kurz darauf von einer Kugel tödlich getroffen wird. Mei nimmt dessen gespartes Geld und geht nach London. Dort holt sie ein 70-jähriger Engländer von der Straße und heiratet sie. Doch dann verliebt sich Mei in den Inder Rachid und wird von ihm schwanger. Rachid aber will zurück in die Heimat, und Mei ist wieder auf sich allein gestellt.

Bewegendes, stark autobiografisch gefärbtes Culture-Clash-Road-Movie der chinesischen Schriftstellerin und Regisseurin Guo Xiaolu, die dafür den Goldenen Leoparden gewann. Es ist Tessa Ross, der Chefin von Film 4, zu verdanken, dass dieses Projekt überhaupt realisiert werden konnte. Denn nachdem Ross im Jahr 2004 die Dokumentation "Concrete Revolution" von Guo Xiaolu gesehen hatte, beauftragte sie die Chinesin mit der Entwicklung eines Drehbuchs zu einem Spielfilm. Das bemerkenswerte Ergebnis nennt sich "She, A Chinese" und kommt nun nach seinem Triumphzug durch internationale Festivals mit den besten Empfehlungen - Goldener Leopard von Locarno 2009, Drehbuchpreis von Hamburg 2009 - in die Kinos. Das Culture-Clash-Road-Movie nimmt in einem kleinen Dorf in China seinen Anfang. Dort vegetiert die junge Mei (Huang Lu) vor sich hin, jobbt in einem Billard-Schuppen und auf einer Müllhalde und will nur eines: raus aus dem Kaff. Tatsächlich nimmt Mei eines Tages Reißaus und landet in der nächsten Großstadt direkt in den Armen des Kleinganoven Spikey (Yibo Wei), der aber schon kurz darauf von einer Kugel tödlich getroffen wird. Mei nimmt dessen gespartes Geld an sich und geht nach London, wo sie mit Aushilfsjobs ums Überleben kämpft. Als ein 70-jähriger Engländer (Geoffrey Hutchings) die zierliche Chinesin in seine Obhut nimmt und sogar heiratet, scheint endlich Normalität in ihr Leben einzukehren. Doch dann verliebt sie sich in den Inder Rachid (Chris Ryman), verlässt dafür ihren Mann und wird schwanger. Nur hat Rachid ganz andere Pläne, will keine Familie gründen, sondern zurück in die Heimat. Und Mei ist wieder auf sich allein gestellt. Stark biografische Züge trägt das bewegende Werk von Guo Xiaolu, die selbst ohne Eltern aufwuchs und ihren erziehungsberechtigten Großvater durch Selbstmord verlor. Dies verleiht der tragischen Geschichte ihrer Antiheldin - von der wunderbaren Huang Lu fast reglos, ohne Emotionen gespielt - ein Höchstmaß an Authentizität. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Verwendung von fahlen, ausgewaschenen Farben, den Einsatz von Handkamera (Zillah Bowes) und den harten, kompromisslosen Schnitt (Andrew Bird, den Guo engagierte, nachdem sie Fatih Akins "Gegen die Wand" gesehen hatte). Überhaupt ist der europäische Einfluss - vor allem durch die Vertreter der Nouvelle Vague - in vielen Einstellungen spürbar. Trotzdem ist "She, A Chinese" eine durch und durch chinesische Geschichte, erzählt aus dem Blickwinkel einer jungen Frau, die um jeden Preis ausbrechen will aus ihrem Kulturkreis, nur um letztlich in einem anderen Land an den fremden Sitten und Gebräuchen zu zerbrechen. Dass Guo ihrem Film durch einzelne Kapitel eine klare Struktur gibt, viel mit Symbolen wie etwa einer geschröpften Ente oder streunenden Hunden arbeitet und vor allem auf Bilder statt Worte, Gesten statt Dialoge setzt, sollte als Empfehlung für den Arthaus-Fan mehr als genügen.

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