Die Freiburger Independent Kinos in der Woche vom 02.09.2010 - 08.09.2010

WELCOME

Der 17-jährige Kurde Bilal schafft es vom Irak nach Europa zu gelangen. Er möchte seine mit der Familie nach England emigrierte Freundin wieder finden und eine Fußballerkarriere starten. Doch vorerst strandet er in Calais an der Nordküste Frankreichs. Sein Plan ist durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Der Franzose Simon, ein Schwimmlehrer, kümmert sich um ihn und trainiert ihn. So möchte er Eindruck auf seine Ex-Frau machen und sie zurückgewinnen.

Bewegendes Drama über einen jungen kurdischen Flüchtling, der sich gegen sein Migrantenschicksal auflehnt, um seine Würde und seine große Liebe kämpft. "Die illegalen Einwanderer von Calais sind in der Situation der Juden von 1943". Dieser Interviewsatz von Philippe Lioret erboste den für Immigration zuständigen französischen Minister, der dem Regisseur vorwarf, mit dieser Äußerung eine Grenze überschritten zu haben. Die heutige französische Polizei mit der des Vichy-Regimes zu vergleichen, sei obszön. Mit "Welcome" (Prix Lux des Europäischen Parlaments und Verleihförderpreis bei den Französischen Filmtagen in Tübingen) legt Lioret den Fingen auf die Wunde, macht entwürdigende Zustände öffentlich und löste eine kontroverse Debatte aus. Denn nicht nur die Illegalen werden verfolgt - auch Franzosen, die ihnen helfen, müssen mit Strafen rechnen. Die Geschichte: Ein 17-jähriger Kurde schafft es vom Irak nach Europa, bis an den Ärmelkanal. Er möchte seine mit der Familie nach England emigrierte Freundin wieder finden und eine Fußballerkarriere starten. Doch er strandet in Calais an der Nordküste Frankreichs. Unbeirrbar verfolgt er seinen Plan, die meist befahrene Schifffahrtsstraße der Welt schwimmend zu durchqueren. Im örtlichen Hallenbad freundet er sich mit dem Schwimmlehrer an, der ihn trainiert und ihm und seinem Freund Unterschlupf bietet. Er tut es nicht aus reinem Altruismus, sondern auch um seine Ex-Frau zurück zu gewinnen. Lioret arbeitete mit zahlreichen Laien schnell und ohne Proben und lässt die Kamera sie diskret beobachten. Trotz höherer Kosten als in Rumänien oder Tschechien wollten Produzent Christophe Rossignon und Lioret on location drehen auf den Straßen in Calais, am riesigen Kanalhafen und am Strand, um durch die authentische Umgebung dem Film eine ganz besondere Wahrheit zu verschaffen. Es stehen weniger die politischen, sozialen oder kulturellen Hintergründe der Flucht im Fokus, auch wenn sich der Blick auf die gleichgültige oft feindliche Haltung in der Bevölkerung bis hin zur Denunziation richtet. Lioret geht es vor allem um das individuelle Schicksal zweier Männer und ihre ungeordneten Gefühle - Vincent Lindon, der einsame und enttäuschte Ältere, Firat Ayverdi der hoffnungsvolle und tatkräftige Jüngere. Keine Larmoyanz, sondern Wut über eine repressive Politik, aber auch tiefe Emotionen bestimmen den leisen und aufrichtigen Ton des an in seiner Radikalität an Ken Loach erinnernden vielschichtigen Dramas, das gleichzeitig auch ein berührender Liebesfilm ohne Happy End ist.

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