Die Freiburger Independent Kinos in der Woche vom 09.09.2010 - 15.09.2010

SERAPHINE

Das unspektakuläre Biopic einer unscheinbaren Putzfrau gewann sieben Césars. Séraphine Louis schrubbt Holzdielen ebenso gottergeben wie sie Blätter malt. Die Französin zählt heute zu den bedeutendsten Vertretern der naiven Kunst.

In Martin Provosts Porträt ist sie zunächst aber nur eine wortkarge und eigenbrötlerische Haushälterin (Yolande Moreau), die hingebungsvoll singt und barfuß Tee serviert, Hühnerblut stibitzt und Kerzenwachs aus der Kirche klaut. Bäume sind Séraphines wichtigste Inspiration und Kraftquelle. Sie klettert darauf, setzt sich darunter oder umarmt sie zärtlich. Aus Blut und Wachs rührt sie nachts in ihrer Kammer ihre eigenen Farben an. Ein Schutzengel führe ihr beim Malen die Hand und sie sei mit der heiligen Jungfrau verbunden, glaubt die Natur liebende Autodidaktin, deren Werke in einer Art Trancezustand entstehen. Als eine Nonne in einer späten Szene eines ihrer wilden und beunruhigenden Pflanzenbilder betrachtet, kann sie allerdings gar nichts Engelhaftes darin erkennen. Zu diesem Zeitpunkt steht Séraphine kurz davor, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden, nachdem sie im Brautkleid durch die Straßen der französischen Kleinstadt Senlis gezogen ist, um ihre Besitztümer vor den Haustüren der Einwohner zu verteilen. Sie stirbt 1942 im Alter von 78 Jahren in einer Nervenheilanstalt. Das mag exzentrisch und dramatisch klingen, ist von Provost bis auf wenige Momente aber auffallend schlicht und angenehm zurückhaltend inszeniert. Der französische Autor und Regisseur arbeitet mit statischer Kamera, langen Einstellungen und gedeckten Farben, die Séraphines farbenprächtige Bilder umso eindrucksvoller erscheinen lassen. Seine Protagonistin stellt er in einem langsamen Erzähltempo und fast ohne Dialoge vor. Wir sehen der in sich gekehrten Frau mit ihrem fülligen Körper, dem kindlichen Gesicht und den wachen Augen für eine ganze Weile beim Arbeiten, Essen und Beten zu. Wie sie singend und mit festen Schritten über Wiesen stapft oder nackt und selbstvergessen in einem Fluss badet. Spannung bietet weniger das unaufgeregte Geschehen von Séraphine als vielmehr das ereignisreiche Gesicht von Yolande Moreau (Louis Hires a Contract Killer, Louis-Michel, 2008). Mit sparsamer Mimik und ausdrucksstarken Blicken lässt die belgische Theater- und Filmschauspielerin schon früh erahnen, dass für die stets etwas entrückt wirkende Putzfrau und Malerin alltägliche und scheinbar nebensächliche Handlungen rituelle und spirituelle Bedeutungen besitzen und dass ihre gewöhnliche Erscheinung ein außergewöhnliches Innenleben verbirgt. Für ihre berührende und auch komische Darstellung wurde Moreau mit einem César ausgezeichnet.

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